Durchhäuser in Wien sind eine Eigenheit der Altstadt: Häuser zwischen zwei parallelen Gassen, die von beiden Seiten betreten werden können. Wer sie kennt, spart Umwege und sieht nebenbei Innenhöfe, Pawlatschen und Brunnen, die von der Straße aus verborgen bleiben. Das Wien Geschichte Wiki zählt allein in der Inneren Stadt rund drei Dutzend solcher Durchgänge.
Wir haben elf Passagen und Höfe im 1. Bezirk ausgesucht und als Spaziergang geordnet: von der Freyung über Michaelerplatz und Stephansplatz in die schmalen Gassen hinter der Wollzeile und wieder zurück zum Dom. Viele Höfe gehören zu Wohnhäusern, die Stadt Wien weist ausdrücklich darauf hin, dass nicht jeder Hof immer zugänglich ist.
Unser Tipp
Die Runde durch die Durchhäuser in Wien beginnt an der Freyung und endet am Stephansplatz. Wer zum Schluss die Schatzkammer im Deutschordenshaus sehen will, legt den Spaziergang auf einen Werktag und ist bis 15 Uhr dort.
1. Schottenhof
Freyung 6, 1010 Wien
Um 1155 holte der Babenberger Heinrich II. irische Benediktiner nach Wien, die Wiener nannten sie „Schotten“. Der Schottenhof an der Freyung gehört bis heute zum Stift. Der Komplex aus mehreren Gebäuden entstand zwischen 1724 und 1794, von 1826 bis 1832 gestaltete Josef Georg Kornhäusel große Teile neu.
Das Wien Geschichte Wiki führt den Schottenhof als Durchhaus von der Freyung 6 zur Helferstorferstraße 2. Dahinter liegen zwei Innenhöfe mit Brunnen, in der warmen Jahreszeit stehen hier die Tische von Gastgärten. Ein passender Auftakt: Nach wenigen Schritten ist der Verkehr der Freyung kaum noch zu hören. Schräg gegenüber beginnt schon die nächste Passage.
DurchgangFreyung 6 zur Helferstorferstraße 2
Erbaut1724 bis 1794, Umbau 1826 bis 1832
ÖffisU2 Schottentor, U3 Herrengasse
2. Palais Ferstel und Ferstelpassage
Freyung 2, 1010 Wien

Heinrich Ferstel baute das Palais von 1856 bis 1860 für die Nationalbank, bis 1877 war hier auch die Wiener Börse untergebracht. Die Passage verbindet die Freyung mit der Herrengasse 14 und war als Einkaufsgalerie nach dem Vorbild der Pariser Passagen gedacht. Über dem Durchgang steht bis heute der Satz „Bis auf Widerruf gestatteter Durchgang“.
In der Mitte liegt ein kleiner Hof unter einer Glaskuppel mit dem Donaunixenbrunnen. Ferstel entwarf ihn, Anton Dominik Fernkorn schuf die Bronzefiguren, enthüllt wurde er am 3. Oktober 1861. Drei Nixen reichen sich am Beckenrand die Hände zum Tanz, darüber stehen Fischer, Schiffbauer und Kaufmann. Ganz oben hält die Donaunixe einen Fisch in der rechten Hand. Rund 3,8 Tonnen Bronze stecken im Brunnen.
DurchgangFreyung 2 zur Herrengasse 14
Erbaut1856 bis 1860
ÖffisU3 Herrengasse
3. Michaelerdurchgang
Michaelerplatz, 1010 Wien
Vom Michaelerplatz zur Habsburgergasse führt ein schmaler Durchgang an der Außenseite der Blasiuskapelle der Michaelerkirche entlang. Wer vom Kohlmarkt kommt, schaut meist zur Hofburg hinüber und geht an dem Eingang vorbei.
Der Grund für den Abstecher hängt an der Kirchenwand: eine bemalte Steinskulptur „Christus am Ölberg“, die der Wiener Bürger und Landschreiber Hans Hueber im Jahr 1494 stiftete. Nach einer Restaurierung ist sie heute hinter Glas geschützt.
Die Figurengruppe ist damit über 530 Jahre alt und steht trotzdem mitten im Alltag der Innenstadt, ein paar Meter neben den Fiakern am Michaelerplatz. Am anderen Ende kommt man in der Habsburgergasse heraus, von dort sind es nur wenige Minuten zum Graben.
VerbindungMichaelerplatz zur Habsburgergasse
SehenswertÖlberggruppe von 1494
ÖffisU3 Herrengasse
4. Großes Michaelerhaus
Kohlmarkt 11, 1010 Wien


Das Große Michaelerhaus wurde um 1710 fertig, nachdem ein Brand im Oktober 1704 alle Vorgängerbauten zerstört hatte. Bauherren waren die Barnabiten der Michaelerkirche, die das Haus vor allem als Zinshaus nutzten. Der Hofdichter Pietro Metastasio lebte hier bis zu seinem Tod 1782.
In einer Bodenkammer wohnte von 1751 bis 1756 der junge Joseph Haydn, eine Gedenktafel erinnert daran. Er gab Marianne Martines Klavierstunden und bekam dafür Kost bei Metastasio. Die Schauspielerin Elfriede Ott lebte von 1933 bis zu ihrem Tod 2019 im Haus.
Der Hof mit seinen barocken Pawlatschen bietet einen besonderen Blick auf die Michaelerkirche. Weil das Haus bewohnt ist, kann das Tor auch geschlossen sein.
Erbautum 1710
ZugangWohnhaus, Hof nicht immer offen
ÖffisU3 Herrengasse
5. Großer Zwettlhof
Stephansplatz 6, 1010 Wien


Der Name erinnert an das Stift Zwettl, das den Hof 1303 kaufte. Später ließ Rudolf IV. hier Wohnungen für die Domherren von St. Stephan einrichten. Bis 1609 wohnten im Zwettlhof die Dompröpste und die ersten Wiener Bischöfe.
Der mittelalterliche Bau wurde von 1839 bis 1842 abgebrochen. 1844 errichtete Baumeister Leopold Mayr an seiner Stelle einen vierstöckigen Neubau, gleich mit zwei öffentlichen Passagen vom Stephansplatz zur Wollzeile. Damit gehört er zu den Durchhäusern in Wien, die von Anfang an als Abkürzung geplant waren.
Heute ist im Haus das Dom Museum Wien untergebracht. Wer vom Dom zur Wollzeile will, geht hier durch den Innenhof statt um den Block herum.
DurchgangStephansplatz 6 zur Wollzeile 4
Erbaut1844
ÖffisU1, U3 Stephansplatz
6. Schmeckender-Wurm-Hof
Wollzeile 5, 1010 Wien


Das Haus zwischen Wollzeile 5 und Lugeck 5 geht auf die Mitte des 14. Jahrhunderts zurück, den Durchgang gibt es seit dem 17. Jahrhundert. Seinen Namen verdankt der Hof einem Kolonialwarenhändler, der im 18. Jahrhundert ein schmiedeeisernes Hauszeichen über sein Geschäft auf der Wollzeile hängte.
Es zeigte den „schmeckenden Wurm“, ein Mischwesen aus Lindwurm und Krokodil. Schmecken bedeutet im Wienerischen auch riechen. Ein hölzernes Geschäftsschild mit dem Namen und dem Fabeltier hing gleich daneben.
Heute führt der Durchgang am Stammhaus von Figlmüller vorbei, das für seine Schnitzel bekannt ist. Am anderen Ende kommt man am Lugeck heraus, wenige Schritte von der Bäckerstraße entfernt.
DurchgangWollzeile 5 zum Lugeck 5
HausMitte 14. Jahrhundert
ÖffisU1, U3 Stephansplatz
7. Bäckerstraße 7
Bäckerstraße 7, 1010 Wien


Die Bäckerstraße liegt auf dem Gelände einer mittelalterlichen Handelsvorstadt, die um 1100 vor dem Ungartor der Stadtmauer entstand. Das Haus Nummer 7 reicht bis zur Sonnenfelsgasse 8 und wird ab 1371 erwähnt. Um die Mitte des 16. Jahrhunderts wurde es umgebaut, eine Inschrift im Haus trägt die Jahreszahl 1566.
Dahinter liegt ein gut erhaltener Arkadenhof aus der Renaissance, die Bögen sind heute teilweise vermauert und verglast. Dazu kommen eine Muttergottesstatue aus dem 18. Jahrhundert und Schmiedeeisenarbeiten aus der Sammlung des Malers Friedrich von Amerling. Ein Bombentreffer zerstörte am 5. November 1944 den östlichen Trakt.
Das Haus ist bewohnt. Die Stadt Wien weist darauf hin, dass gerade der Hof in der Bäckerstraße nicht immer zugänglich ist.
Erwähntab 1371, Umbau Mitte 16. Jahrhundert
ZugangWohnhaus, Hof nicht immer offen
ÖffisU1, U3 Stephansplatz
8. Basiliskenhaus
Schönlaterngasse 7, 1010 Wien


Die Schönlaterngasse ist schmal und gebogen, ihren Namen hat sie von der Laterne am Haus Nummer 6. Gegenüber steht das Basiliskenhaus, Teile der Kellermauern stammen aus dem 13. Jahrhundert.
Der Sage nach fand der Bäcker Martin Garhiebl am 26. Juni 1212 im Hausbrunnen ein unbekanntes Wesen, das giftige Dämpfe ausstieß. Man hielt es für einen Basilisken, halb Hahn, halb Kröte. Aufgeschrieben hat die Geschichte Wolfgang Lazius im Jahr 1546. Der Geologe Eduard Suess erklärte sie später ganz nüchtern mit giftigen Erdgasen im Brunnen.
Ein Fresko von 1932 wurde 1944 durch Bomben beschädigt. Heute dient ein steinernes Gebilde in Gestalt des Tiers als Hauszeichen, dazu kommen Wandmalereien und eine Inschrifttafel.
Sage26. Juni 1212
ZugangFassade von der Gasse aus zu sehen
ÖffisU3 Stubentor
9. Heiligenkreuzerhof
Schönlaterngasse 5, 1010 Wien
Gleich nebenan öffnet sich der Heiligenkreuzerhof, ein Durchhaus von der Schönlaterngasse zur Grashofgasse 3. Das Zisterzienserstift Heiligenkreuz erwarb hier in der ersten Hälfte des 13. Jahrhunderts mehrere Häuser, 1242 wird der Hof urkundlich erwähnt. Erhalten ist ein fast vollständiges romanisches Haus mit vier Geschossen.
Seine heutige Gestalt geht auf Abt Klemens Schäffer zurück, der die Bernhardikapelle neu bauen ließ (geweiht 1662). Weitere Umbauten folgten bis 1771. Im Hof steht ein Brunnen mit dem Stiftswappen und der Inschrift „ACSH 1670“.
Hier lebten die Schriftsteller Ignaz Franz Castelli und Eduard Pötzl, später der Schauspieler Helmut Qualtinger, an den eine Gedenktafel erinnert. Der Hof gehört bis heute dem Stift.
DurchgangSchönlaterngasse 5 zur Grashofgasse 3
Erwähnt1242
ÖffisU3 Stubentor, U1 und U4 Schwedenplatz
10. Fähnrichhof
Blutgasse 5, 1010 Wien
Die Blutgasse ist eine kurze, schmale Gasse hinter dem Stephansdom. Das Haus Blutgasse 5 mit seinen Pawlatschengängen bildet den Durchgang zu den Fähnrichhöfen, die bis zur Singerstraße 11 reichen. Im Kern stammen die Bauten aus dem 15. und 16. Jahrhundert, die Anlage selbst geht auf das 12. Jahrhundert zurück.
Der Name kommt von der Bürgerkompagnie des Kärntnerviertels, die sich hier mit ihrer Fahne versammelte. Im 16. Jahrhundert wohnte der Humanist Johannes Cuspinian im Fähnrichhof. Nach einem Brand 1753 wurde die Fassade des Großen Fähnrichhofs neu gestaltet.
Gleich nebenan lohnt der Hof von Blutgasse 3, einem sehr alten Haus, in dem nach 1812 der Komponist Wenzel Müller wohnte. Beide Häuser sind bewohnt, die Tore können also auch zu sein.
DurchgangBlutgasse 5 zur Singerstraße 11
ZugangWohnhäuser, nicht immer offen
ÖffisU1, U3 Stephansplatz
11. Deutschordenshaus
Singerstraße 7, 1010 Wien


Der Deutsche Orden sitzt in der Singerstraße seit dem frühen 13. Jahrhundert, nachweisbar ab 1222. Das weitläufige Haus hat Eingänge von der Singerstraße 7 und vom Stephansplatz 4, dazwischen liegen Höfe mit verglasten Pawlatschen. Seine heutige Gestalt bekam der Bau in mehreren Etappen zwischen 1667 und 1785.
Über den linken Durchgang von der Singerstraße kommt man zur Schatzkammer des Ordens. Sie zeigt Goldschmiedearbeiten, Kelche, Reliquiare, Prunkwaffen, Uhren und Münzen aus rund 800 Jahren Ordensgeschichte. Gleich daneben liegt der Eingang zur Deutschordenskirche.
Im Frühjahr 1781 wohnte Wolfgang Amadeus Mozart im Haus, damals noch im Gefolge des Salzburger Erzbischofs. Über den Ausgang am Stephansplatz endet die Runde durch die Durchhäuser in Wien wieder beim Dom.
DurchgangSingerstraße 7 zum Stephansplatz 4
SchatzkammerOktober bis Juni Mo, Mi, Fr 13 bis 15 Uhr, Di, Do 13 bis 17 Uhr
Eintritt7 Euro, ermäßigt 5 Euro
ÖffisU1, U3 Stephansplatz
Gut zu wissen
- Viele Durchhäuser in Wien gehören zu Wohnhäusern. Laut Stadt Wien sind besonders die Höfe in Bäckerstraße, Kohlmarkt und Singerstraße nicht immer zugänglich.
- Feste Öffnungszeiten veröffentlichen die meisten Hausverwaltungen nicht. Ist ein Tor geschlossen, bitte nicht bei Bewohnern läuten.
- Hinter den Pawlatschen wohnen Menschen: leise reden und nicht in Fenster fotografieren.
- Eine Liste aller Durchhäuser in Wien nach Bezirken führt das Wien Geschichte Wiki. Auf wien.gv.at gibt es außerdem einen eigenen Stadtspaziergang zu Innenhöfen, Durchhäusern und Pawlatschen.
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Durchhäuser in Wien: häufige Fragen
Was sind Durchhäuser in Wien?
Ein Durchhaus liegt zwischen zwei parallelen Straßen und ist von beiden Seiten zugänglich. Es dient als Abkürzung, dahinter liegt meist ein Innenhof mit Geschäften oder Lokalen. Die meisten Durchhäuser in Wien finden sich in der Inneren Stadt und in den alten Vorstädten.
Wie viele Durchhäuser in Wien gibt es?
Häufig genannt wird die Zahl von rund 144 öffentlich zugänglichen Durchhäusern. Das Wien Geschichte Wiki listet allein für den 1. Bezirk rund drei Dutzend auf, dazu kommen viele in der Leopoldstadt und auf der Landstraße.
Sind die Durchhäuser in Wien rund um die Uhr offen?
Nicht unbedingt. Viele Höfe liegen in Wohnhäusern, deren Tore auch geschlossen sein können. Am sichersten ist ein Besuch untertags. Für die Schatzkammer im Deutschordenshaus gelten eigene Öffnungszeiten.
Was ist eine Pawlatsche?
Das Wort kommt vom tschechischen pavlač und bezeichnet schmale, offene Gänge im Hof, über die die einzelnen Wohnungen erreichbar sind. Früher trafen sich dort die Nachbarn und hängten ihre Wäsche auf.
Wo beginnt man einen Spaziergang durch die Höfe der Innenstadt?
Ein guter Startpunkt ist die Freyung mit Schottenhof und Ferstelpassage. Von dort geht es über Michaelerplatz und Kohlmarkt zum Stephansplatz und weiter in die Gassen rund um Bäckerstraße und Schönlaterngasse.