Rund 220.000 Gemeindewohnungen gibt es heute in der Stadt. Viele der Gemeindebauten in Wien sind längst selbst Sehenswürdigkeiten. Nach dem Ersten Weltkrieg begann die sozialdemokratische Stadtregierung, im großen Stil Wohnungen mit Fließwasser, eigenem Klo, Wäscherei und Kindergarten zu bauen. Aus dieser Zeit des Roten Wien stammen die mächtigen Höfe am Gürtel, in Döbling und in Ottakring, die man an ihren Inschriften mit dem Baujahr erkennt.
Wir stellen elf Gemeindebauten in Wien vor, chronologisch vom ersten echten Gemeindebau 1923 bis zu Alterlaa und dem Hundertwasserhaus in den 1980er Jahren. Zu jedem Bau stehen Bauzeit, Architekt und Adresse dabei. Die Höfe sind bewohnt, die Innenhöfe aber meist frei zugänglich. Bitte leise sein und nicht in Stiegenhäuser oder Wohnungen fotografieren.
Unser Tipp
Wer die Geschichte dahinter verstehen will, beginnt im Waschsalon im Karl-Marx-Hof. Das kleine Museum zeigt das Rote Wien in einer ehemaligen Zentralwäscherei und hat donnerstags und sonntags offen.
1. Metzleinstaler Hof
Margaretengürtel 90, 1050 Wien

Am Margaretengürtel beginnt die Geschichte. Robert Kalesa plante ab 1920 einen ersten Trakt mit 101 Wohnungen, damals noch eher klassisch um einen Block gebaut. Hubert Gessner erweiterte die Anlage 1923 bis 1925 um weitere Wohnungen und machte daraus das, was das Wien Geschichte Wiki den ersten echten Gemeindebau der Ersten Republik nennt.
Gessner verlegte die Stiegeneingänge von der Straße in den Hof, jede zweite Wohnung bekam einen Erker. Alle neuen Wohnungen hatten ein eigenes Klo, damals alles andere als selbstverständlich. Dazu kamen eine Badeanstalt, eine Zentralwäscherei, ein Kindergarten, eine Arbeiterbibliothek und Klubräume. Das Programm wurde zum Muster für fast alle späteren Höfe.
Bauzeit1920 und 1923 bis 1925
ArchitektenRobert Kalesa, Hubert Gessner
Wohnungen252
2. Reumannhof
Margaretengürtel 100, 1050 Wien


Gleich daneben setzte Hubert Gessner 1924 bis 1926 den Reumannhof, benannt nach Bürgermeister Jakob Reumann. Die Anlage ist streng symmetrisch um einen großen Ehrenhof gebaut und wirkt vom Gürtel aus wie ein Schloss für Arbeiterfamilien. Ursprünglich war der Mitteltrakt mit 40 Metern Höhe geplant, das wäre das erste Hochhaus Österreichs gewesen.
Beim Hinschauen lohnen die Majolika-Reliefs mit Handwerksberufen an den Torbögen und die Steinskulpturen von Max Krejca beim Kindergarten. Eröffnet wurde der Hof am 27. Juni 1926. Im Februar 1934 griffen Polizei und Bundesheer den Reumannhof an, weil sich dort der Republikanische Schutzbund verschanzt hatte.
Bauzeit1924 bis 1926
ArchitektHubert Gessner
Wohnungenursprünglich 483, heute 450
3. Winarskyhof
Stromstraße 36, 1200 Wien

Beim Winarskyhof in der Brigittenau hat die Stadt 1924 und 1925 gleich mehrere Stars der Wiener Moderne beauftragt. Josef Hoffmann plante einen Teil der Stiegen, Peter Behrens einen anderen, den dritten Abschnitt teilten sich Josef Frank, Oskar Strnad und Oskar Wlach.
Spannend ist der Grundriss: In den Block wurde ein zweiter, geschlossener Hof eingeschoben. Die ehemalige Leystraße ist von vier Quertrakten überbaut, dadurch reiht sich eine Folge von begrünten Höfen aneinander. Benannt ist die Anlage nach dem Politiker Leopold Winarsky. An der Fassade erinnern Zitattafeln an ihn und an die Architektin Margarete Schütte-Lihotzky.
Bauzeit1924 bis 1925
ArchitektenJosef Hoffmann, Peter Behrens, Josef Frank, Oskar Strnad, Oskar Wlach
Wohnungen571
4. Rabenhof
Baumgasse 29, 1030 Wien


Der Rabenhof steht auf dem Grund der früheren Krimsky-Kaserne und gehört mit 1.112 Wohnungen zu den größten Anlagen der Stadt. Heinrich Schmid und Hermann Aichinger haben ihn 1925 bis 1928 gebaut.
Typisch sind die vor- und zurückspringenden Baukörper, die sich wie eine Kulisse durch das Grätzl ziehen. Eine Straße führt mitten durch die Anlage und wird von einem spitzen Torbogen überspannt. Ursprünglich hieß der Bau Friedrich-Austerlitz-Hof, seit 1935 Rabenhof. Heute kennt man ihn vor allem wegen des Rabenhof Theaters, das in der Anlage spielt. Im Hof steht außerdem eine Rutschenplastik von Josef Schagerl aus dem Jahr 1954.
Bauzeit1925 bis 1928
ArchitektenHeinrich Schmid, Hermann Aichinger
Wohnungen1.112
ÖffisU3 Kardinal-Nagl-Platz
5. Sandleitenhof
Matteottiplatz 4, 1160 Wien


Mit ursprünglich 1.587 Wohnungen ist Sandleiten die größte Wohnanlage des Roten Wien, gebaut 1924 bis 1928 in fünf Etappen. Nach einem Wettbewerb planten sieben Architekten mit, darunter Emil Hoppe, Otto Schönthal, Siegfried Theiß und Hans Jaksch.
Anders als die geschlossenen Superblocks ist Sandleiten eine kleine Stadt mit Gassen, Stiegen und Plätzen am Hang. Herzstück ist der Matteottiplatz, angelegt nach dem Vorbild eines Renaissanceplatzes. Für die etwa 5.000 bis 6.000 Bewohner gab es eine Bibliothek, ein Kino mit Theatersaal, eine Zentralwäscherei und Dutzende Geschäftslokale und Werkstätten. Gleich daneben liegen der Kongreßpark und das Kongreßbad.
Bauzeit1924 bis 1928
ArchitektenHoppe, Schönthal, Matouschek, Theiß, Jaksch, Tölk, Krauß
Wohnungenursprünglich 1.587
6. Karl-Marx-Hof
Heiligenstädter Straße 82, 1190 Wien


Der Karl-Marx-Hof von Karl Ehn ist das Symbol des Roten Wien schlechthin. Gebaut 1927 bis 1930, eröffnet am 12. Oktober 1930, zieht sich die Front über fast 1.200 Meter entlang der Heiligenstädter Straße. Die Häuser sind um geräumige Innenhöfe gruppiert, jede Wohnung hat eine Loggia zum Hof.
Die roten Türme über den Torbögen kennt man von unzähligen Fotos. Weniger bekannt ist, wie viel Infrastruktur dahinter steckte: zwei Zentralwäschereien, zwei Badeanstalten, zwei Kindergärten, eine Bibliothek, ein Zahnarzt und eine Apotheke. Im Februar 1934 wurde der Hof heftig umkämpft, das Bundesheer setzte Artillerie ein. Heute zeigt der Waschsalon in der ehemaligen Wäscherei 2 die Geschichte des Roten Wien.
Bauzeit1927 bis 1930
ArchitektKarl Ehn
Wohnungenheute 1.272
MuseumWaschsalon, Halteraugasse 7: Do 13 bis 18 Uhr, So 12 bis 16 Uhr, 7 Euro
ÖffisU4 Heiligenstadt
7. George-Washington-Hof
Triester Straße 52, 1100 Wien


Robert Oerley und Karl Krist bauten den George-Washington-Hof 1927 bis 1930 am Fuß des Wienerbergs. Eröffnet wurde er am 6. April 1930, mit 1.084 Wohnungen. Die Anlage reicht über die Triester Straße hinweg in zwei Bezirke.
Hier versuchten die Architekten, die Idee der Gartenstadt mit dem großen Wohnblock zu verbinden. Die Häuser sind niedriger als in vielen anderen Höfen, die fünf großen Höfe öffnen sich zueinander. Jeder Hof ist nach den Bäumen benannt, die dort gepflanzt wurden: Ahornhof, Akazienhof, Birkenhof, Fliederhof und Ulmenhof. Wer durchgeht, kann sich an den Portalen mit den Hofnamen orientieren.
Bauzeit1927 bis 1930
ArchitektenRobert Oerley, Karl Krist
Wohnungenursprünglich 1.084
8. Friedrich-Engels-Platz-Hof
Friedrich-Engels-Platz 1, 1200 Wien
Der Friedrich-Engels-Platz-Hof, in Wien kurz Engelshof genannt, entstand 1930 bis 1933 nach Plänen von Rudolf Perco. Mit 1.476 Wohnungen gehört er zu den größten Anlagen der Zwischenkriegszeit.
Perco war Schüler von Otto Wagner. Das sieht man an den Toren: Die Hofeinfahrten sind wie Portale betont, sonst bleibt der Bau zurückhaltend im Detail. Die Höfe sind weit und luftig angelegt. Im Februar 1934 war der Engelshof ein Stützpunkt des Schutzbunds, fiel aber am 12. Februar an die Regierungstruppen. Im April 1945 hielten sich hier die letzten deutschen Truppen südlich der Donau bei der Floridsdorfer Brücke.
Bauzeit1930 bis 1933
ArchitektRudolf Perco
Wohnungen1.476
ÖffisStraßenbahn 2, 33 (Friedrich-Engels-Platz)
9. Theodor-Körner-Hof
Kohlgasse 2, 1050 Wien


Nach dem Zweiten Weltkrieg baute die Stadt wieder im großen Maßstab. Am Margaretengürtel entstand 1951 bis 1955 der Theodor-Körner-Hof. Er besteht aus neun Baugruppen, ursprünglich mit 1.365 Wohnungen. Sein Wahrzeichen ist ein 20-stöckiges Hochhaus von Ladislaus Hruska und Kurt Schlauß, das den Gürtel weithin markiert.
Typisch für die Fünfzigerjahre ist der Kunstschmuck: Reliefs über den Eingängen, ein Märchenmosaik am Kindergarten und eine Mosaikbank. Ein jüngeres Detail ist die 18 Meter hohe Lärmschutzwand, gebaut 2006 und 2007. Laut Wien Geschichte Wiki ist sie die höchste in Wien, eine Photovoltaikanlage darauf liefert Strom für rund acht Haushalte.
Bauzeit1951 bis 1955
ArchitektenHochhaus: Ladislaus Hruska, Kurt Schlauß
Wohnungenheute 1.228
10. Hundertwasserhaus
Kegelgasse 36, 1030 Wien


Das Hundertwasserhaus an der Ecke Kegelgasse und Löwengasse ist ein ganz normaler Gemeindebau, wenn auch ein sehr ungewöhnlicher. Friedensreich Hundertwasser entwarf es, zuerst mit dem Architekten Josef Krawina, fertig gebaut wurde es mit Peter Pelikan. Spatenstich war am 16. August 1983, fertig war das Haus 1985.
Gleiche Fenster und glatte Fassaden gibt es hier nicht. Böden sind gewellt, Dächer und Terrassen begrünt, aus einzelnen Wohnungen wachsen Bäume aus den Fenstern. In dem Haus wohnen Mieter in rund 50 Wohnungen, besichtigen kann man es daher nur von außen. Gegenüber liegt das Hundertwasser Village mit Geschäften und Café.
Bauzeit1983 bis 1985
PlanungFriedensreich Hundertwasser mit Josef Krawina und Peter Pelikan
Zugangnur von außen
ÖffisStraßenbahn 1 (Hetzgasse)
11. Wohnpark Alterlaa
Anton-Baumgartner-Straße 44, 1230 Wien


Streng genommen ist Alterlaa kein Gemeindebau: Bauträger ist die stadtnahe Gesiba, finanziert wurde mit Wohnbauförderung. Trotzdem wird der Wohnpark oft in einem Atemzug mit den Gemeindebauten in Wien genannt. Harry Glück plante ihn mit Kurt Hlaweniczka, Franz Requat und Thomas Reinthaller, gebaut wurde 1970 bis 1985.
Die Türme werden bis zu 94 Meter hoch. In den unteren zwölf Geschoßen hat jede Wohnung einen Terrassengarten, darüber zumindest eine Loggia. Berühmt sind die Schwimmbäder auf den Dächern, die gleichzeitig als Löschwasserreserve dienen. Für die mehr als 9.000 Bewohner gibt es Schulen, Kindergärten, Ärzte und Geschäfte direkt in der Anlage.
Bauzeit1970 bis 1985
ArchitektenHarry Glück, Kurt Hlaweniczka, Franz Requat, Thomas Reinthaller
Wohnungenmehr als 3.000
ÖffisU6 Alterlaa
Gut zu wissen
- Die meisten Gemeindebauten in Wien tragen an der Fassade eine Inschrift mit dem Baujahr, im Roten Wien meist mit dem Zusatz „Erbaut von der Gemeinde Wien“.
- Innenhöfe sind in der Regel offen, Stiegenhäuser, Waschküchen und Dachterrassen sind den Bewohnern vorbehalten.
- Wer mehrere Gemeindebauten in Wien an einem Tag sehen will, kombiniert am besten Metzleinstaler Hof, Reumannhof und Theodor-Körner-Hof, die alle am Margaretengürtel liegen.
- Der Waschsalon im Karl-Marx-Hof bietet sonntags um 13 Uhr eine Führung an, mit Eintritt kostet sie 12 Euro.
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Gemeindebauten in Wien: häufige Fragen
Welche Gemeindebauten in Wien kann man besichtigen?
Die Innenhöfe der großen Höfe wie Karl-Marx-Hof, Reumannhof, Rabenhof oder Sandleitenhof sind in der Regel frei zugänglich. Wohnungen und Stiegenhäuser sind privat. Im Karl-Marx-Hof zeigt das Museum Waschsalon die Geschichte des Roten Wien.
Was ist der größte Gemeindebau in Wien?
Aus der Zwischenkriegszeit ist Sandleiten in Ottakring mit ursprünglich 1.587 Wohnungen die größte Anlage. Der bekannteste und mit fast 1.200 Metern längste ist der Karl-Marx-Hof in Döbling.
Welcher war der erste Gemeindebau in Wien?
Als erster echter Gemeindebau der Ersten Republik gilt der Metzleinstaler Hof am Margaretengürtel, erweitert 1923 bis 1925 von Hubert Gessner.
Ist das Hundertwasserhaus ein Gemeindebau?
Ja, die Stadt Wien hat das Haus 1983 bis 1985 als Gemeindebau errichtet. Es wird bewohnt und kann nur von außen besichtigt werden.
Warum sind die Gemeindebauten in Wien so bekannt?
Zwischen 1919 und 1934 baute das Rote Wien zehntausende Wohnungen mit Wäschereien, Bädern, Kindergärten und Bibliotheken. Diese Höfe prägen bis heute das Stadtbild und gelten international als Vorbild für sozialen Wohnbau.