Wo heute zwischen Praterstern und Innstraße Wohnhäuser, Schulen und eine Stadtwildnis stehen, rangierten über ein Jahrhundert lang Güterzüge. Das Nordbahnviertel im 2. Bezirk ist auf dem Gelände des alten Nordbahnhofs gewachsen, einem der größten Stadtentwicklungsgebiete Wiens.
Wir stellen das Grätzl in acht Kapiteln vor: von der Geschichte des Bahnhofs über die Planung der Stadt Wien bis zu den Parks, den Schulen und den Lokalen, die sich entlang der Bruno-Marek-Allee angesiedelt haben. Alle Angaben stammen aus Quellen der Stadt Wien, dem Wien Geschichte Wiki und Medienberichten.
Unser Tipp
Wer das Viertel zum ersten Mal erkundet, fährt mit der Straßenbahnlinie O vom Praterstern über die Bruno-Marek-Allee und spaziert von dort in die Freie Mitte.
1. Vom Nordbahnhof zum Frachtenbahnhof

Der erste Nordbahnhof entstand 1839 nach Plänen von Anton Jüngling, als Endpunkt der Kaiser Ferdinands-Nordbahn. Zwischen 1859 und 1865 folgte ein deutlich größerer Neubau, den Theodor Hoffmann in romantisch-historisierenden Formen errichtete. Mit der Eröffnung der Personenhalle am 15. Oktober 1865 war er fertig.
Dahinter wuchs der Frachtenbahnhof. Laut Wien Geschichte Wiki hat sich seine Fläche zwischen 1840 und 1900 ungefähr vervierzigfacht. 1890 entstand zur Entlastung ein Verschubbahnhof in Floridsdorf, im selben Jahr wurde auch der Wasserturm gebaut, der die Dampflokomotiven versorgte.
In den Jahren 1944 und 1945 trafen Bomben das Bahnhofsgebäude schwer. Als einziger der großen Wiener Bahnhöfe aus dem 19. Jahrhundert wurde der Nordbahnhof danach nicht mehr in Betrieb genommen. Am 21. Mai 1965 wurde das Aufnahmegebäude gesprengt.
Erster Bahnhof1839
Neubau1859 bis 1865
Gesprengt21. Mai 1965
2. Stadtentwicklung in Etappen

Ab 1994 wurde das Bahngelände zum Stadtentwicklungsgebiet. Insgesamt geht es um rund 85 Hektar. Laut Stadt Wien sollen hier etwa 10.000 geförderte und frei finanzierte Wohnungen sowie rund 20.000 Arbeitsplätze entstehen, rund 20.000 Menschen sollen im neuen Viertel wohnen.
Gebaut wurde in Etappen. Zuerst entstanden die Häuser rund um den Rudolf-Bednar-Park, 2018 bezog die Bank Austria ihre neue Zentrale im Austria Campus beim Praterstern. Grundlage für den letzten Abschnitt ist ein städtebauliches Leitbild aus dem Jahr 2014.
Dieser letzte Teil heißt „Freie Mitte, Vielseitiger Rand“: Auf etwa 32 Hektar entstehen bis 2026 rund 5.000 Wohnungen und 2.500 Arbeitsplätze. Das auffälligste Gebäude ist das fast 100 Meter hohe Wohnhochhaus „Schneewittchen“, das gemeinsam mit einem Loftbau 327 leistbare Wohnungen bietet.
Flächerund 85 Hektar
Wohnungenrund 10.000 (Planung Stadt Wien)
Arbeitsplätzerund 20.000
3. Freie Mitte
Freie Mitte, 1020 Wien
Das Herz des neuen Viertels ist kein Platz, sondern eine Gstetten. Auf rund neun Hektar mitten zwischen den Neubauten sollte die Natur, die sich auf dem Bahngelände ausgebreitet hatte, möglichst erhalten bleiben. Trockenwiesen, Stauden und alte Gleisreste gehören zur Gestaltung.
Zwei kleine Teiche dienen als Laichplatz für die streng geschützte Wechselkröte, die am Nordbahnhof ihren Lebensraum hat. Eröffnet wurde in Etappen: im November 2021 die „Stadtwildnis“, im Juli 2022 das „Parkband 1“, im November 2022 der nördliche Teil der „Gleislandschaften“.
Dort gibt es eine Picknick- und Drachenwiese, eine Hundezone, einen Gemeinschaftsgarten, einen Kinderspielplatz und einen Radspielplatz. Über eine historische Eisenbahnbrücke kann man heute spazieren. Insgesamt waren rund 320 neue Bäume, ein Skateplatz und weitere Spielplätze geplant.
Größerund 9 Hektar
Erste EtappeNovember 2021
BesonderheitLaichteiche für die Wechselkröte
4. Rudolf-Bednar-Park
Rudolf-Bednar-Park, 1020 Wien


Der Rudolf-Bednar-Park ist rund 3,1 Hektar groß und wurde 2008 eröffnet. Den europaweiten Wettbewerb gewann 2006 das Zürcher Büro Hager Landschaftsarchitektur. Benannt ist der Park nach Rudolf Bednar, der von 1977 bis 1984 Bezirksvorsteher der Leopoldstadt war.
Prägend ist ein „Schleier aus Bäumen“, der den Park nach außen abgrenzt. Entlang der Radingerstraße liegen Becken mit Schilf, verstreut stehen orange Spielstangen mit Kletterseilen, Schaukeln und Hängematten.
Für Jugendliche gibt es einen eigenen Bereich mit Skatepark und Streetballplätzen. Dazwischen bleiben große Wiesen frei, in ruhigeren Ecken stehen Sitzplätze zwischen geschnittenen Blütensträuchern. Die Stadt Wien nennt außerdem ein Café in einem gläsernen Kubus in der Mitte des Parks.
Größerund 3,1 Hektar
Eröffnet2008
PlanungHager Landschaftsarchitektur, Zürich
5. Zwei Bildungscampus
Campus Gertrude Fröhlich-Sandner, 1020 Wien
Der Campus Gertrude Fröhlich-Sandner hat 2010 aufgesperrt und war einer der ersten Standorte des Wiener Campusmodells. Die Idee: Kindergarten, Schule und Freizeitpädagogik liegen an einem Ort, die Kinder werden ganztägig betreut, auch in den Ferien, Bewegung steht täglich auf dem Stundenplan.
Am 7. September 2020 folgte im neuen Teil des Viertels der Bildungscampus Christine Nöstlinger, benannt nach der Wiener Kinderbuchautorin. Er wurde für rund 1.500 Kinder geplant und umfasst Kindergartengruppen, eine Ganztagsvolksschule und eine Mittelschule.
Für die Straßenbahn bedeutete das eine eigene Verlängerung: Die Linie O fährt seither vom Praterstern bis vor den neuen Campus.
Campus Fröhlich-Sandnerseit 2010
Campus Nöstlingerseit September 2020
Plätze Nöstlingerrund 1.500 Kinder
6. Nordbahnhalle und Wasserturm

Die Nordbahnhalle wurde in den 1960er Jahren als Lagerhalle der ÖBB gebaut und war bis Dezember 2016 an eine Lebensmittelfirma vermietet. Ab März 2017 startete die TU Wien darin ihr Experiment „Mischung: Nordbahnhof“ mit Co-Working, offenen Werkstätten, Veranstaltungsräumen und Kantine. Es gab Ausstellungen, Konzerte und sogar ein Radrennen.
Eine Initiative wollte den hinteren Teil der Halle gemeinsam mit dem denkmalgeschützten Wasserturm als Kulturort erhalten. Der vordere Teil wurde im September 2019 abgerissen, am 10. November 2019 brannte die Halle schwer. Danach wurde sie abgetragen.
Der Wasserturm von 1890 steht noch. 2025 kündigten die ÖBB an, ihn zu einem Café-Bistro mit Schanigarten für rund 70 Gäste umzubauen, innen mit bis zu zwölf Metern Raumhöhe.
Zwischennutzung2017 bis 2019
Brand10. November 2019
Wasserturm1890, denkmalgeschützt
7. Öffis und Wege
Der wichtigste Knoten liegt am Südrand: Am Praterstern halten die U1 und die U2, dazu die S-Bahn auf der Stammstrecke sowie Regionalzüge. Der Bahnhof Praterstern hieß früher Wien Nord und erinnert damit an den alten Nordbahnhof.
Seit Herbst 2020 fährt die Straßenbahnlinie O mitten ins Viertel. Die Strecke wurde um 1,4 Kilometer verlängert und führt vom Praterstern über die Nordbahnstraße, Am Tabor und die Bruno-Marek-Allee zum Bildungscampus Christine Nöstlinger.
Die Freie Mitte ist als grünes Band angelegt, auf dem man das Viertel zu Fuß oder mit dem Rad durchqueren kann. Ein Parkband entlang der Bahn verbindet die Wege.
U-BahnU1, U2 Praterstern
S-BahnPraterstern
StraßenbahnO (Bruno-Marek-Allee)
8. Lokale und Treffpunkte
Die Bruno-Marek-Allee ist so etwas wie die Einkaufsstraße des neuen Viertels. Auf Nummer 19 serviert Vogel Kaffee Specialty Coffee, dazu Frühstück und Torten. Gleich daneben auf Nummer 21 verkauft Leones Gelato Eis, gegenüber auf Nummer 24 führt o*books eine Buchhandlung mit Schwerpunkt auf feministischer, queerer und antirassistischer Literatur sowie vielen Kinderbüchern.
Am Rand des Rudolf-Bednar-Parks verbindet der Salon am Park in der Krakauer Straße 19 einen Bioladen mit einem kleinen Bistro, mittags gibt es vegetarische Menüs.
Ein paar Gassen weiter backt Ullmann’s Zuckerbäckerei in der Walcherstraße Torten und große Macarons. Der Familienbetrieb bietet auch Frühstück an.
LageBruno-Marek-Allee, Krakauer Straße, Walcherstraße
ÖffisStraßenbahn O
Gut zu wissen
- Das Nordbahnviertel liegt zwischen Praterstern, Nordbahnstraße, Innstraße und Vorgartenstraße im 2. Bezirk.
- Die Teiche in der Freien Mitte sind Laichplätze der geschützten Wechselkröte. Hunde gehören in die eigenen Hundezonen.
- Das Café im alten Wasserturm war laut ÖBB für Sommer 2026 geplant. Vor einem Besuch lohnt ein Blick in aktuelle Meldungen.
- Wer Geschichte sucht: Vom alten Bahnhof sind im Nordbahnviertel der Wasserturm, eine Eisenbahnbrücke und Gleisreste in der Freien Mitte geblieben.
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Nordbahnviertel: häufige Fragen
Wo genau liegt das Nordbahnviertel?
Im 2. Bezirk, der Leopoldstadt, nördlich vom Praterstern auf dem Gelände des ehemaligen Nordbahnhofs.
Wie viele Menschen wohnen im Nordbahnviertel?
Laut Stadt Wien sollen im fertigen Viertel rund 20.000 Menschen wohnen. Geplant sind etwa 10.000 Wohnungen und rund 20.000 Arbeitsplätze.
Was ist die Freie Mitte?
Ein rund neun Hektar großer Park mit Stadtwildnis auf der alten Bahntrasse. Er wurde seit 2021 in Etappen eröffnet und hat Spielplätze, Hundezonen, Gemeinschaftsgärten und Teiche für die Wechselkröte.
Wie kommt man mit den Öffis ins Nordbahnviertel?
Mit der U1, der U2 oder der S-Bahn zum Praterstern. Von dort fährt die Straßenbahnlinie O über die Bruno-Marek-Allee mitten ins Viertel.
Was war die Nordbahnhalle?
Eine ehemalige Lagerhalle der ÖBB, die ab 2017 als Kultur- und Arbeitsort genutzt wurde. Nach einem Brand im November 2019 wurde sie abgetragen.